Danke, wildes schönes Tier

Kompletter Erfahrungsbericht
Diesen Bericht widme ich den Damen von Sixt am Flughafen Frankfurt in tiefer Dankbarkeit. Frau R. überreichte mir den Schlüssel zu dem Auto, um das es hier geht, mit den Worten "Ich habe da, glaube ich, was ganz Nettes für Sie."

Frau R. ich fühle mich von ihnen zutiefst verstanden.

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Ich bin Mercedesfahrer. Und Mercedes ist im Großen und Ganzen ein gutes Auto, so wie ein Bohrer von Hilti im Großen und Ganzen ein guter Bohrer und ein Druckreiniger von Kärcher im Großen und Ganzen ein guter Druckreiniger ist. Ich kann über den Mercedes eigentlich nicht wirklich schimpfen. Er ist schnell, bequem, sicher und meistens zuverlässig. Er hat Platz für alles, was man so mitnehmen muss und ist stinklangweilig. Das ist mir mit einer Klarheit, die Tränen in die Augen treibt, klar geworden, als ich im Parkhaus den Schlüssel in sein Fach schob, in der Bordanzeige das Alfa-Romeo-Logo erschien und ich den den Startknopf drückte. Irgendwo unter mir meldete sich ein sehr großes, sehr starkes Tier mit einer unglaublich sonoren, tiefen Stimme. "Ich bin sehr viel stärker als Du und ich kann sehr, sehr böse sein. Aber wenn Du mich gut behandelst, werde ich Dir sehr viel Freude bereiten." So etwa sprach er aus seinen vier Endrohren und ich löste die Handbremse mit großem Respekt.

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Mit diesem Auto bist Du nicht unauffällig. Auf der Autobahn sehen die Leute dich im Rückspiegel, treten auf die Bremse, fahren rechts rüber und drücken sich die Nase an der Fahrerscheibe platt um Dich beim Überholen zu beobachten. Auf dem Parkplatz stehen junge Männer um das Auto herum und nicken anerkennend bis neidisch. Ihre Begleiterinnen stehen in der zweiten Reihe oder bleiben im Audi sitzen und lächeln dich an. Der Tankwart macht die zweite Kasse auf und winkt dich zu sich: "Schickes Auto!". Du siehst rüber zu dem Alfa und er scheint dich - geduckt und sprungbereit im Halbdunkel - verschwörerisch aus seinen schmalen, sechsäuigigen Sehschlitzen anzusehen. Großes, böses, wundervolles Tier. Nein, er ist dabei nicht halbseiden wie ein Lamborghini oder dergleichen. Nicht anstößig wie eine Corvette oder Viper. Seine Konkurrenten sind Autos wie das BMW 3er Coupe oder der Audi TT. Die Armen sehen plötzlich so bieder aus wie Konfektionsware von C&A neben einem Prada-Anzug. Das Auto ist aus jeder Perspektive wunderschön. Viel schöner, als man es auf den Fotos erahnen kann.

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Nach ein, zwei Kilometern hatte ich bemerkt, dass das Tier mir nicht wirklich wehtun will. Ich habe mich mit ihm vertraut gemacht. Bei Drehzahlen unter 2000 Touren hat er mir mit seiner aufregenden rauen Stimme erklärt, dass er zum Langsamfahren nicht gebaut wurde und dass er diese Art der Fortbewegung nur vorübergehend akzeptieren wird. Gut. Ich mag mir nicht einmal vorstellen, was geschieht, wenn man die Wünsche dieses Autos nicht respektiert. Also schalte ich im Kreisel bei der Autobahnauffahrt, es muss so bei 60, 70 Stundenkilometern sein, in den zweiten Gang. "Endlich!" faucht das Tier. Seine Flanken vibrieren und ein metallisches Singen erklingt aus seinem Bauch: "Und jetzt tritt zu!". Ich tue es. Bei 6000 auf dem Drehzahlmesser schreit das Tier befreit auf. 50 Engel lassen Ihre Posaunen über einer losgallopierenden Herde wilder Araberhengste erklingen und es ist als schrie Meat Loaf gegen alle Orchester der Welt an:

"And Im gonna need somebody to make me feel like you do
And I will receive somebody with open arms, open eyes,
Open up the sky and let the planet that I love shine through"

Irgendwo bei 7000 Umdrehungen geht alles in einem wilden Fauchen unter. Ich bin auf der Einfädelspur rechts an fünf LKW vorbeigeschossen, Adrenalin in der Brust, Schweiß an den Händen. Ich fädle mich ein, schalte in den dritten Gang. Der Alfa gibt mir High Five. Yeah! Das ganze hat so lang gedauert, wie ich brauche, um zu sagen: "Großes, böses Tier. Du bist wunderbar. Ich liebe Dich."

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Ich will jetzt nichts hören, dass der Aschenbecher fummelig und billig wirkt für ein knapp 40.000 € teures Auto. Dass das gebürstete Aluminium beim BMW edler aussieht und dass man die Lordosenstützen, die sich auf den ersten 50 Kilometern als Basisaustattung für ein SM-Studio empfohlen haben, nur mit abgeschlossenem Maschinenbaustudium verstellen kann. Ich will auch nicht darüber diskutieren, dass das Auto, egal in welcher Richtung, indiskutabel unübersichtlich ist. Kleingeistern, die einwenden, dass man die hinteren Sitze nicht benutzen kann, weil bei jeder menschenwürdigen Sitzposition für Fahrer und Beifahrer einfach kein Fußraum da ist, werde ich erwidern: "Dann schneidet den Hintersassen halt die Beine ab" und mich freuen, dass sich die Außenspiegel automatisch einklappen, wenn man den Schlüssel abzieht. Ich will sogar einräumen, dass ich dachte: "Hummer ist auch teuer", als die Verbrauchsanzeige bei einem Überholvorgang kurzzeitig "35 l" behauptet hat. Ach, das muss an der Ungenauigkeit der italienischen Messinstrumente liegen. Dass das Auto tatsächlich nur 185 PS haben soll, kann ja schließlich auch nicht stimmen. Vielleicht war der Tankwart aber auch deshalb so nett.

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Ich streiche, als ich nach knapp 400 aufregenden Kilometern abends den Schlüssel bei den Servicekräften von Sixt abgebe, noch einmal über den wollüstig geschwungenen hinteren Kotflügel. Der junge Mann grinst, leicht unverschämt, als käme ich mit einer jungen Geliebten am Arm aus einem Hotel. Du warst toll, du wildes, schönes Tier.

www.ciao.de

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